Suche / Archiv


Erweiterte Suche

20. Jahrgang Heft 6 Dezember 2011

Editorial
Prof. Dr. R. Fünfstück, Prof. Dr. F. M. E. Wagenlehner, Prof. Dr. H. Blenk


Übersichten
Truls E. Bjerklund Johansen, Århus, Dänemark, Henry Botto, Suresnes Cedex, Frankreich, Mete Cek, Edirne, Türkei, Magnus Grabe, Malmö, Schweden, Peter Tenke, Budapest, Ungarn, Florian M.E. Wagenlehner, Gießen, und Kurt G. Naber*, München

Harnwegsinfektionen (HWI) treten unter sehr verschiedenen klinischen Erscheinungsformen auf, bei denen jeweils spezifische epidemiologische, diagnostische, therapeutische und prognostische Aspekte zu berücksichtigen sind. Klassifizierungen sind deshalb notwendig. Die bisher übliche Einteilung von HWI erfolgt im Wesentlichen nach den Kategorien „unkompliziert“ und „kompliziert“. Falls die Gruppe der „unkomplizierten“ sehr eng definiert wird, führt dies zwangsläufig dazu, dass die Gruppe der „komplizierten“ HWI sehr breit und heterogen wird, was weitere Unterteilungen notwendig macht. Die European Section for Infections in Urology (ESIU), eine Arbeitsgruppe der European Association of Urology (EAU), hat neue Konzepte (ORENUC-Klassifizierung) entwickelt, wie in relativ einfacher Form das klinische Bild, die Risikofaktoren und die Behandlungsmöglichkeiten besser berücksichtigt werden können. Das dürfte hilfreich für die klinische Forschung, für die Erarbeitung von Empfehlungen zur Therapie und Prophylaxe und für die Qualitätskontrolle sein. Eine prospektive Validierung dieses Einteilungsprinzips in einem größeren Krankengut nach Möglichkeit multizentrisch und multinational ist erforderlich, um Schwachstellen zu erkennen und Verbesserungen anbringen zu können.

Schlüsselwörter: Harnwegsinfektionen, Klassifizierung, ORENUC

Chemother J 2011;20:174–80.



Andreas Wieser und Sören Schubert, München
Bedeutung für die Pathogenese des Harnwegsinfekts

Biofilme sind bekanntermaßen eine wichtige Wachstumsform von Bakterien. Vor allem in harschen Umweltbedingungen besitzen Biofilme eine besondere Bedeutung, da sie die in ihnen lebenden/überdauernden Bakterien effektiv vor vielen verschiedenen Umwelteinflüssen schützen. In den letzten Jahren konnte die Bedeutung von Biofilmen bei immer mehr Infektionen des Menschen nachgewiesen werden. Gleichzeitig kommt es in der Humanmedizin zu immer stärkerer Nutzung von implantierbaren Fremdkörpern, auf denen sich bekanntermaßen in vivo besonders leicht Biofilme bilden können. Dieser Artikel beinhaltet eine kurze Zusammenfassung verschiedener Medline-gelisteter Artikel sowie eigene Beobachtungen aus verschiedenen Harnwegsinfektionsmodellen. Es sollen Einsichten in den Ablauf der Harnwegsinfektion sowie neue mögliche Therapie- und Prophylaxemaßnahmen aufgezeigt werden. Ein besonderes Augenmerk legt der Artikel auf intrazelluläre Biofilme, deren humanmedizinische Relevanz immer noch unklar ist.

Schlüsselwörter: UPEC, E. coli, Biofilm, intrazellulär, Invasion

Intra- and extracellular biofilms of uropathogenic E. coli

Biofilms have been known to be an important growth form of bacteria especially in the environment to protect bacteria against numerous stressors. In the last years biofilms have been increasingly found during infections in the human body. This in part goes along with the increasing use of implanted devices in human medicine. Besides, also new surprising entities such as intracellular biofilms could be found in urinary tract infections. This article summarizes Medline-listed articles as well as own observations in different animal models of urinary tract infections for mechanistic principles and potential consequences for treatment and prevention of urinary tract infections in humans. A special focus of the following article shall be the intracellular bacterial community (IBC), a biofilm like intracellular state of uropathogenic organisms. The relevance of this growth form for human medicine is still not fully understood.

Key words: UPEC, E. coli, biofilm, intracellular, invasion

Chemother J 2011;20:181–5.



Hansjürgen Piechota*, Düsseldorf/Minden, Peter Brühl, Bonn, und Axel Kramer, Greifswald

Harnweginfektionen zählen auch heute noch mit einem Anteil von 30 bis 40 % zu den häufigsten nosokomialen Infektionen. Sie sind in bis zu 90 % (!) mit einem Katheter ursächlich assoziiert. Ein vorrangiges Ziel im Umgang mit Harnwegkathetern ist daher die Prävention Katheter-assoziierter nosokomialer Harnweginfektionen, welche nicht nur von großer individueller, sondern auch von infektiologischer und sozio-ökonomischer Bedeutung ist. Sie erfordert neben profunden Kenntnissen der Pathogenese und des Erregerspektrums ebenso die Entwicklung und Umsetzung moderner individualisierter Konzepte zur Katheterdrainage des Harntrakts sowie praktikabler Surveillance-Strategien. Da der Umgang mit Harnwegkathetern zunehmend von medizinischem Assistenzpersonal, Pflegediensten oder den Patienten selbst und ihren Angehörigen übernommen wird, müssen zur Gewährleistung einer bestmöglichen Versorgung umfassende und kontinuierliche Schulungsmaßnahmen erfolgen.

Schlüsselwörter: Harntrakt, Katheter, Drainage, Harnweginfektion, nosokomial, Prävention, Surveillance

Catheter-associated urinary tract infections

Urinary tract infections (UTI) still account for 30 to 40 % of all nosocomial infections nowadays. Up to 90 % (!) of these nosocomial UTIs are associated with urinary catheters. The prevention of catheter-associated nosocomial UTIs therefore is an individual as well as infectiological and socio-economical issue of utmost importance requiring extensive knowledge about pathogenesis and the range of pathogens as well as cost-effective surveillance strategies and modern individualized concepts for the catheter drainage of the urinary tract in a multidisciplinary approach. Continuous training and education must ensure the medical standard since nurses, outpatient health care networks and patients themselves more and more take over in the management of catheter drainage of the urinary tract.

Key words: Urinary tract, catheter, drainage, infection, nosocomial, prevention, surveillance

Chemother J 2011;20:186–92.



Reinhard Fünfstück, Weimar, Lindsay E. Nicolle, Manitoba (Kanada), Markolf Hanefeld, Dresden, und Günter Stein, Jena

Diabetes mellitus ist eine weit verbreitete und folgenschwere Erkrankung. Das Risiko, eine Harnwegsinfektion zu entwickeln, ist fast 20-mal größer als bei gleichaltrigen, nicht an Diabetes leidenden Menschen. Die Faktoren, die eine Infektmanifestation begünstigen, sind vielschichtig. Das Lebensalter und die Dauer der Diabeteserkrankung des betroffenen Patienten, dessen metabolische Situation, das Ausmaß mikro- und makrovaskulärer Folgeschäden sowie die mit einer diabetischen Zystopathie verbundenen Komplikationen fördern die Prädisposition für eine Infektion. Der Verlauf der Erkrankung wird weiterhin durch Störungen der Reaktionsfähigkeit des Immunsystems und durch spezifische Virulenzeigenschaften uropathogener Mikroorganismen beeinflusst. Eine genaue Charakterisierung des Krankheitsbilds ist für eine zielgerichtete Antibiotikatherapie und damit für den Therapieerfolg entscheidend. Die Behandlung einer asymptomatischen Bakteriurie ist bei Patienten mit Diabetes mellitus nicht indiziert. Bei symptomatischen Infektionen (Zystitis, Pyelonephritis) sollte der Schweregrad der metabolischen Störung die Therapiestrategie bestimmen. Weitere klinische Studien zur Bewertung einzelner Therapieempfehlungen, besonders bei Patienten mit einer instabilen Stoffwechselsituation im Vergleich zu Fällen ohne Diabetes mellitus, sind notwendig.

Schlüsselwörter: Diabetes mellitus, Harnwegsinfektion, asymptomatische Bakteriurie, Niereninsuffizienz, Behandlungsstrategie

Urinary tract infection in diabetes mellitus: Causes and consequences

Diabetes mellitus is a world wide spread disease. Urinary tract infection occurs with increased frequency and severity in patients with diabetes mellitus. The risk for an infection in diabetic patients is 20times higher than in cases with normal metabolic situation. General host factors enhancing risk for urinary tract infection include age, metabolic control, long term micro- and macrovascular complications, primarily diabetic nephropathy and cystopathy. Alterations in the innate immune system have been described and may also contribute risk of urinary infections. Virulence properties of uropathogenic microorganisms influence the activity and the course of an infection. For an effective treatment strategy of urinary tract infection it is necessary to characterize the clinical risk of the disease. Treatment of asymptomatic bacteriuria in diabetic patients is not indicated. Early diagnosis and prompt intervention is recommended to limit morbidity of symptomatic infection. The quality of glycaemic control as well as the risk of hypo- or hyperglycaemia determines antimicrobic intervention. Clinical studies comparing management of urinary tract infection in persons with diabetes compared to those without as well as diabetic patients with good or poor glucose control will be necessary.

Key words: Diabetes mellitus, urinary tract infection, asymptomatic bacteriuria, renal insufficiency, treatment strategies

Chemother J 2011;20:193–9.



Florian M. E. Wagenlehner, Gießen, Kurt G. Naber, München, und Wolfgang Weidner, Gießen

Das Prostatitis-Syndrom ist eine häufige und komplexe Erkrankung. Im Verlauf der letzten 40 Jahre haben sich verschiedene Stadien der wissenschaftlichen Wahrnehmung aufgezeigt, in der Teilerfolge nachweisbar waren, aber auch Irrwege beschritten wurden. Während die akute Prostatitis fast immer einer akuten Infektion entspricht, ist beim chronischen Prostatitis-Syndrom nur in etwa 10 % der Fälle der Erregernachweis positiv. Das Erregerspektrum entspricht im Wesentlichen dem von komplizierten Harnwegsinfektionen mit vornehmlich gramnegativen Erregern. In manchen Studien werden aber auch atypische Erreger, wie Chlamydia trachomatis, in größerer Anzahl gefunden. Bei der überwiegenden Mehrzahl der Fälle werden multifaktorielle Ursachen angenommen. Dies führte schließlich zur Phänotypisierung der Beschwerdesymptomatik mit multimodalen Therapiekonzepten. Die modernen Möglichkeiten der translationalen Forschung könnten hoffnungsvolle Wege der Aufschlüsselung molekularer Zusammenhänge aufzeigen und somit in wirksame therapeutische Optionen und Strategien münden.

Schlüsselwörter: Prostatitissyndrom, Antibiotikatherapie, Beckenschmerzsyndrom, Phänotypisierung

Prostatitis – yesterday and today

The prostatitis syndrome is a frequent and complex disease. Especially during the last 40 years the scientific perception has changed significantly. In the past sometimes success, but also disappointment had to be asserted. Whereas the acute prostatitis is most frequently considered an infectious disease, in only about 10 % of cases with a chronic prostatitis syndrome pathogens can be identified. The bacterial spectrum is similar to that of complicated urinary tract infections with mainly Gram negative pathogens. In some studies also atypical pathogens, such as Chlamydia trachomatis, can be found at a considerable proportion. In most cases, however, multifactorial causes are discussed. This has led to phenotyping of the main symptoms with multimodal therapeutic concepts. The modern possibility of translational research may lead to a better understanding of the molecular mechanisms and thus to more effective therapeutic options and strategies.

Key words: Prostatitis syndrome, antibiotic therapy, chronic pelvic pain syndrome, phenotyping

Chemother J 2011;20:200–3.



Udo B. Hoyme, Erfurt

Aus der Scheide der gesunden Schwangeren können sämtliche physiologischerweise auch auf der Haut, im Mund und im Darm vorkommenden Bakterien nachgewiesen werden. Ihr Wachstum wird bekanntermaßen durch Lactobazillen, aber zugleich auch weitere auf das Ökosystem einwirkende Faktoren kontrolliert und limitiert. Im Resultat besteht eine weitgehend stabile, vor infektiösen Komplikationen schützende Balance der Arten. Sowohl abnormale vaginale Flora als auch bakterielle Vaginose bedingen ein signifikantes relatives Risiko in Bezug auf Fehl- oder Frühgeburt zwischen 1,4 und 6,9. Bei den initialen Erfurter Untersuchungen betrug die Frühgeburtlichkeit < 32 + 0 Schwangerschaftswochen (SSW) in einer Interventionsgruppe (pH-Selbstmessung in der Vagina und sukzessive Therapie bei Abweichungen) 0,3 % im Vergleich zu 3,3 % in einem konventionell betreuten Schwangerenkollektiv (p < 0,01). In der landesweiten Thüringer Frühgeburtenvermeidungsaktion 2000 wurden 0,94 % bzw. 1,36 % Entbindungen < 32 + 0 SSW gefunden (p < 0,01). Die Rate der Frühgeborenen < 1 000 g konnte auf 0,38 % reduziert werden. Dies ist die niedrigste Inzidenz, die jemals in einem der deutschen Bundesländer zu verzeichnen war. Die mit der Frühgeburtenvermeidungsstrategie erzielten Resultate sind insofern von erheblicher Bedeutung, als es bislang mit keinem anderen Studienansatz flächendeckend gelang, zu einer nennenswerten Reduktion der Frühgeburtenrate zu kommen. Im übrigen ist nach Beendigung der Kampagne in der Nachfolge bis 2005 die Inzidenz der Frühgeburt wieder so angestiegen, dass sie sowohl im Freistaat Thüringen allgemein als auch am Perinatalzentrum Erfurt speziell gleich hoch ist wie vor der experimentellen Intervention.

Schlüsselwörter: Genitalinfektion, Frühgeburtlichkeit, bakterielle Vaginose, Prävention der Frühgeburt

Bacterial reservoir and prevention of complications caused by urogenital infections in pregnancy

Bacteria normally cultured from skin, mouth and bowel can also be found in the vagina of healthy pregnant women. Their growth is controlled and limited by lactobacilli as well as other environmental factors resulting in a balanced stabile ecosystem and protection against pathogenic factors.

Abnormal vaginal flora as well as bacterial vaginosis have a significant relative risk for miscarriage or preterm birth of 1.4 to 6.9. In the initial Erfurt trial 0.3 % deliveries with gestational age < 32 + 0 weeks were seen in an intervention group vs. 3.3 % (p < 0.01) in the control group; in the larger Thuringia campaign the figures were 0.94 % vs. 1.36 % (p < 0.01). The rate of newborns < 1,000 g was reduced to 0.38 %, the lowest incidence ever seen in any of the German states.

This should count even more, as there was no success in reducing the rate of low birth weight children in the decades preceding these prospective studies. However, after discontinuation of the campaign in 2000 the preterm birth rates monitored till 2005 are as high as prior to our programme for the state in general as for our Erfurt hospital in particular!

Key words: Genital infection, prematurity, bacterial vaginosis, prevention of premature birth

Chemother J 2011;20:186–91.



Der klinische Fall
Ingrid Reiter-Owona* und Achim Hoerauf, Bonn

Bei einem 43-jährigen Mann traten etwa zwei Monate nach seinem letzten Auslandsaufenthalt entzündliche Veränderungen am linken Bein sowie eine Lymphknotenschwellung inguinal auf. Eine Erhöhung der eosinophilen Granulozyten im Blut auf > 40 % wies auf eine Wurminfektion hin. Die Ergebnisse der Immundiagnostik machten eine Nematodeninfektion wahrscheinlich, der Erreger konnte aber nicht spezifiziert werden. Es wird auf die Bedeutung der Eosinophilie bei der Diagnose von importierten Wurminfektionen eingegangen.

Schlüsselwörter: Eosinophilie, Helminthen, Labordiagnostik, Therapie

Unclarified blood eosinophilia in a patient who does a lot of travelling

A 43-year old man developed inflammatory changes at his left leg together with an inguinal lymphadenitis approx. two months after returning from his last travel. An increase of the eosinophilic blood granulocytes up to > 40 % indicated a helminth infection. Results of the serologic testing were suggestive for a nematode infection without further specification. The value of eosinophilia for the diagnosis of imported helminth infections is discussed.

Key words: Eosinophilia, helminths, laboratory diagnostics, therapy

Chemother J 2011;20:209–11.



PEG-Mitteilungen