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17. Jahrgang Heft 3 Juni 2008

Übersichten
Uwe Groß, Andrea Hruzik, Kristin Graumann, Göttingen, und Ingrid Reiter-Owona, Bonn
Epidemiologie, Diagnostik und Therapie
Die Infektion mit Toxoplasma gondii kommt weltweit vor und führt meistens zur klinisch asymptomatischen Erregerpersistenz. Es wird geschätzt, dass 30 bis 40 % der in Deutschland lebenden Bevölkerung latent mit Toxoplasmen infiziert sind. Klinisch bedeutsam sind (i) die Erstinfektion während der Schwangerschaft mit daraus eventuell resultierender konnataler Toxoplasmose des Kindes, (ii) die Retinochorioiditis und (iii) die Reaktivierung der latenten Infektion beim immunsupprimierten Patienten. Für die mikrobiologische Diagnose stehen vor allem serologische Verfahren zur Verfügung. Für die Therapie der klinisch bedeutsamen Fälle werden situationsbedingt nach wie vor Pyrimethamin, Sulfadiazin, Spiramycin, Clindamycin oder Atovaquon eingesetzt.

Schlüsselwörter: Toxoplasmose, Schwangerschaft, AIDS, Transplantation, Pyrimethamin, Spiramycin

Toxoplasmosis during pregnancy and in immunosuppressed patients

In most cases, infection with Toxoplasma gondii leads to asymptomatic persistence of the parasite. It is estimated that 30 to 40 % of the population in Germany is latently infected. Of clinical relevance are (i) primary infection during pregnancy eventually leading to connatal toxoplasmosis of the child, (ii) retinochoroiditis, and (iii) reactivation of latent infection in immunocompromised patients. Microbiological diagnosis mostly relies on serological assays. Clinically relevant infections are treated case-dependently with pyrimethamine, sulfonamides, spiramycine, clindamycin or atovaquone.

Keywords: Toxoplasmosis, pregnancy, AIDS, transplantation, pyrimethamin, spiramycin

Chemother J 2008;17:75–83.



Keith A. Rodvold, Chicago, Illinois (USA)*
Fluorchinolone gelten als sichere und gut verträgliche antiinfektiöse Wirkstoffe. Bei den neueren Wirkstoffen (z. B. Levofloxacin, Moxifloxacin, Gemifloxacin, Gatifloxacin) werden die Verträglichkeitsprofile kontinuierlich untersucht. Für hoch dosiertes Levofloxacin (750 mg/Tag) wurde bei Kurztherapien oder schweren Infektionen eine hervorragende Verträglichkeit und eine mit anderen neueren Fluorchinolonen vergleichbare Nebenwirkungsrate festgestellt. In kürzlich durchgeführten Studien mit Moxifloxacin 400 mg/Tag fand sich ein ähnliches Verträglichkeitsprofil wie für Levofloxacin 500 mg/Tag bei älteren Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie. Im Vergleich zu Levofloxacin kommt es bei Moxifloxacin allerdings häufiger zu einer Verlängerung des QTc-Intervalls. Hautausschläge bilden weiterhin die wichtigste Einschränkung im Verträglichkeitsprofil von Gemifloxacin und begrenzen die Behandlungsdauer auf 5 bis 7 Tage. Gemifloxacin-assoziierte Ausschläge treten meistens nach 8 bis 10 Behandlungstagen bei Patientinnen unter 40 Jahren auf oder bei postmenopausalen Frauen, die eine Hormonsubstitutionstherapie erhalten. Die zunehmende Zahl der Berichte und die höhere Inzidenz von hypo- und hyperglykämischen Ereignissen bei Gatifloxacin im Vergleich zu anderen antibiotischen Therapien einschließlich Fluorchinolonen hat dazu geführt, dass die Zulassungsbehörden die Anwendung von Gatifloxacin bei Patienten mit Diabetes mellitus als kontraindiziert eingestuft haben. (Redaktionelle Anmerkung: Gemifloxacin ist in der EU nicht zugelassen, Gatifloxacin [Bonoq®] wurde 2004 vom deutschen Markt genommen)

Chemother J 2008;17:84–90.



Margot Klemm, Calw
Ferdinand Julius Cohn gehört zu den herausragenden Botanikern des 19. Jahrhunderts. Er erwarb sich große Verdienste um die Wissenschaft, ist aber in der breiten Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten. Seine Forschung war von großer Bedeutung für Pflanzenphysiologie, Medizin, Hygiene und Lebensmittelindustrie. Zu seinen wichtigsten Leistungen zählen in der Pflanzenphysiologie die Erforschung der Pflanzenzelle, insbesondere der Zellwand und des Protoplasmas auf experimentellem Weg. In der Bakteriologie schuf Cohn die biologischen und systematischen Grundlagen. Die Verbreitung der Wissenschaft in allen Bevölkerungskreisen hatte für Cohn den gleichen Stellenwert wie die Forschung selbst. Seine populärwissenschaftlichen Schriften und Vorträge, insbesondere für Frauen, zeigen seine umfassende Bildung und seine Fähigkeit, Naturwissenschaft und Kulturgeschichte miteinander zu verknüpfen und sie zu verbreiten. Cohn war zudem ein herausragender Pädagoge, da er den Lehrstoff in verständlicher und begeisternder Form vermittelte. Cohn wurde 1859 zum ersten außerordentlichen Professor jüdischen Glaubens in Deutschland ernannt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit den Behörden konnte er 1866 das erste Pflanzenphysiologische Institut in Preußen gründen – nach Jena das zweite in Deutschland. Es erfuhr einen raschen Aufstieg und bildete mehr als 15 Jahre den Mittelpunkt der bakteriologischen Forschung in Europa und war weltweit mit anderen Instituten und Forschern, vor allem Medizinern, in Kontakt.

Schlüsselwörter: Ferdinand Julius Cohn, Forschung, Pflanzenphysiologie, Bakteriologie

Ferdinand Julius Cohn

Ferdinand Cohn is one of the outstanding botanists of the 19th century. He has unjustly been forgotten by the broad public. His research work had far-reaching import on basic research in plant physiology, in medical research, hygiene, and food production. Cohn’s experimental research into the plant cell, particularly into the cell wall and the protoplasma, belongs to his most important achievements in the field of plant physiology. In the field of bacteriology, Cohn established the general biological and systematical foundations. He considered the dissemination of scientific knowledge to be as important as his research work. His papers and lectures for popularizing science, often prepared with particular regard to women audience, testify his comprehensive general knowledge and his ability to bring together modern natural science and traditional cultural history. Furthermore, Cohn was an excellent teacher having the gift for imparting knowledge to students in an understandable and inspiring way.

In 1859 he was appointed associate professor, making him the first Jewish associate professor in Germany. After having overcome difficulties with the authorities, he succeeded in establishing the first Institute for Plant Physiology in Prussia in 1866, which after Jena was the second one in Germany. His institut soon became a great success and it was for more than 15 years the centre of bacterial research in Europe. It kept contacts to institutes and research scientists all over the world, in particular to physicians.

Keywords: Ferdinand Julius Cohn, research work, plant cell, bacteriology

Chemother J 2008;17:91–9.



Originalarbeit
Barbara Baars, Türkân Sakinç und Wolfgang Opferkuch, Bochum
Es wurden drei Parameter der Resistenz von Helicobacter pylori gegenüber den Antibiotika Metronidazol, Clarithromycin, Amoxicillin und Tetracyclin untersucht. Als erstes stellte sich die Frage der Resistenzfrequenz gegen die genannten Antibiotika in den Zeiträumen 1987 bis 1995 und 1998 bis 2003. Dabei war in der zweiten Untersuchungsperiode (1998–2003) eine deutlich höhere Resistenzrate gegenüber Metronidazol und Clarithromycin nachweisbar, die aber innerhalb dieser Periode konstant blieb. Im zweiten Abschnitt wurde der Einfluss der Kombination von Antibiotika auf resistente Erreger untersucht. Durch die Kombination von Metronidazol mit subinhibitorischen Konzentrationen von Amoxicillin bzw. Clarithromycin werden etwa 50 % der Metronidazol-resistenten Stämme abgetötet. Bei der Kombination von Clarithromycin mit subinhibitorischen Konzentrationen von Amoxicillin bzw. von Tetracyclin werden 25 % der Clarithromycin-resistenten Stämme abgetötet. Kombiniert man Clarithromycin mit subinhibitorischen Konzentrationen von Metronidazol, sind 80 % dieser Stämme nicht mehr anzüchtbar. Die Wirksamkeit der einzelnen Antibiotika-Kombinationen ist stammspezifisch. Der dritte Abschnitt beschreibt den Einfluss von Antibiotika-Kombinationen auf die Resistenzentstehung eines Stamms und ihre Kinetik gemessen an der Anzahl der dazu nötigen Passagen. Die Zugabe subinhibitorischer Konzentrationen von Metronidazol bzw. von Amoxicillin verzögert die Resistenzentwicklung von H. pylori gegenüber Clarithromycin ganz erheblich, das heißt, es sind anstatt zwei Passagen auf Clarithromycin-haltigen Nährmedien bis zu zehn Passagen notwendig. Diese Befunde sind in guter Übereinstimmung mit klinischen Studien, wonach die heute aus Compliance- und Kostengründen gewählte Niedrigdosierung sowohl für Therapieversager als auch für die Resistenzentwicklung von H. pylori verantwortlich ist. Eine Veränderung der Schemata für eine erfolgreiche Therapie scheint deshalb dringend geboten.

Schlüsselwörter: Resistenzfrequenz, Kombination von Clarithromycin, Metronidazol, Amoxicillin, Resistenzentstehung, Kinetik der Resistenzentstehung, Therapie von Infektionen mit Helicobacter pylori

The effectiveness in vitro of antimicrobial combinations on Helicobacter pylori

The resistance of Helicobacter pylori against metronidazole, clarithromycin, amoxicillin and tetracyclin was determined under consideration of three parameters. The first of these considered the frequency of resistance against the above-mentioned antibiotics during the periods of 1987–1995 and 1998–2003. A marked increase in resistance against metronidazole and clarithromycin could be observed in the second period (1998–2003), although, no further increase in resistance was found within these years.

Secondly, the effect of antimicrobial combinations upon resistant bacteria was investigated. A combination of metronidazole with subinhibitory concentrations of amoxicillin or clarithromycin eradicates about 50 % of the metronidazole-resistant bacteria. By combining clarithromycin with subinhibitory concentrations of amoxicillin or tetracyclin, 25 % of the clarithromycin-resistant bacteria can be eradicated. When combining clarithromycin with subinhibitory concentrations of metronidazole, 80 % of the strains can no longer be cultured. Effectiveness of antimicrobial combinations discussed here varies with different strains of Helicobacter pylori.

The third section describes the influence of antimicrobial combinations on the emergence of resistance of a Helicobacter pylori strain and its kinetics according to the number of passages required. The emergence of clarithromycin resistance can be delayed considerably by the addition of subinhibitory concentrations of metronidazole or amoxicillin, so that up to ten passages on agar plates containing clarithromycin are required instead of two.

These findings correspond well with clinical examinations. Today’s preferred low dosages aimed at compliance and cost-cutting are responsible for therapeutic failures as well as for the emergence of resistance of Helicobacter pylori. The alteration of schemes is therefore urgently required for successful clinical treatment.

Keywords: Frequency of resistance, combination of clarithromycin, metronidazole, amoxicillin, emergence of resistance, kinetics of resistance, therapy of infections with Helicobacter pylori

Chemother J 2008;17:100–6.



Der klinische Fall
Cornelius Remschmidt und Markus Vogt, Zug (Schweiz)
Anamnese und klinischer Befund: Eine gesunde, 57-jährige Patientin wurde am Zugerberg (Zug, Schweiz) von einer Haselmaus in die rechte Hand gebissen. Trotz antibiotischer Therapie mit Amoxicillin/Clavulansäure kam es neben einer unzureichenden Besserung des Lokalbefunds zu einer schmerzhaften Lymphknotenschwellung in der rechten Axilla, Nachtschweiß und Fieberschüben. 2½ Wochen nach dem Mäusebiss konnte eine Serokonversion für Francisella tularensis nachgewiesen werden. Therapie und Verlauf: Unter einer Therapie mit Gentamicin und Ciprofloxacin kam es innerhalb weniger Tage zu einem völligen Rückgang der klinischen Symptome. 3 Monate nach Therapie ist die Patientin weiterhin beschwerdefrei. Folgerung: Bei Bissverletzungen durch Nagetiere, die nicht auf die übliche Therapie mit Amoxicillin/ Clavulansäure ansprechen, muss auch an die seltene (ulzeroglanduläre) Tularämie gedacht werden.

Schlüsselwörter: Tularämie, Bissverletzung, Nager

Summary

History and admission findings: A 57-year-old previously healthy woman was bitten into her right hand by a dormouse in Zug, Switzerland. Despite antibiotic therapy with amoxicillin/ clavulanacid the patient did not improve, however a painful lymph node developed in the right axilla. Furthermore night sweats and low grade fever occured. 2½ weeks after the mouse bite a seroconversion for Francisella tularensis became apparent.

Treatment and follow up: Therapy with gentamicin and ciprofloxacin was started and the patient’s symptoms resolved within a few days. At follow-up 3 months later the patient was healthy.

Conclusion: In rodent bite injuries that show no improvement to usual therapy with amoxicillin/ clavulanacid ulceroglandular tularemia should to be considered as a possible alternative.

Keywords: Tularemia, bite injury, rodents

Chemother J 2008;17:107–9.



PEG-Mitteilungen
Prof. Dr. med. Andreas Groll, Münster Prof. Dr. Cornelia Lass-Floerl, Innsbruck


9. bis 11. Oktober 2008, Gustav-Stresemann-Institut, Bonn